Die Anfänge der modernen audiovisuellen Medien wie Fotografie und Film liegen bekanntlich im Dokumentarischen. Ihre Primärfunktion bestand zunächst darin, die sinnlich wahrnehmbaren Momente der ‚Wirklichkeit’, das sogenannte ‚Faktuale’, festzuhalten und dieses über die Grenzen der Zeit und des Raums hinaus aufzubewahren und zu transportieren. Die Verwendung dieser Medien für das Fiktionale setzte erst später ein. Ein künstlerischer experimenteller Umgang sowohl mit dokumentarischen als auch mit fiktionalen Formen machte jedoch die Relativität der Unterscheidung zwischen diesen Kategorien ganz deutlich, was Sergej Eisenstein 1925 auf den Punkt brachte: „Für mich ist es ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit.“
Vor diesem Hintergrund bietet das Seminar eine Einführung in die Geschichte der dokumentarischen Formen in der Kunst und im Film, die anhand diverser historischer und aktueller Beispiele diskutiert werden, von den Brüdern Lumière, Robert Flaherty, Dsiga Wertow ("Kino-Auge") über Direct Cinema und Cinéma Vérité, Essayfilme von Chris Marker und Harun Farocki bis zu neusten Experimenten mit dokumentarischen Ansätzen und Formaten.