Kunstwerke haben im Laufe der Jahrhunderte viele Funktionsansprüche erfüllen müssen, Ihre ästhetische Autonomie konnte die Kunst erst vor etwa zweihundert Jahren mit der Entwicklung der Museen beanspruchen.
In der Auseinandersetzung mit der religiösen, der politischen, der ästhetischen und der abbildenden Funktion von Kunstwerken wird deutlich, dass die Grenzen zwischen angewandter und freier Kunst fließend sind. Die wesentliche Aufgabe beispielsweise eines mittelalterlichen Altarbildes oder eines absolutistischen Herrscherportraits lag in der visuellen Kommunikation religiöser und politischer Inhalte. Diese waren für das Publikum – unabhängig vom „Kunstgehalt“ – auf der Basis von tradierten Symbolen, Typen und Gattungen ablesbar. Wie aber lässt sich die entsprechende Ikonografie entschlüsseln? Welche visuellen Kommunikationsstrategien liegen ihr zu Grunde? Handelt es sich bei einer Druckgrafik Albrecht Dürers zum Bauernkrieg um ein Kunstwerk oder um ein politisches Flugblatt?
Mit Louis Sullivans Credo „form follows function“ (1896), William Morris' „Arts and Crafts“-Bewegung oder der Ausdehnung des Jugendstils auf Kunst, Architektur und Gebrauchsgegenstände werden die Differenzierung zwischen Kunst und Alltagsgestaltung aufgehoben. Mit der Entgrenzung der Kunst in das Leben, wie es Sonja Delaunay-Terk, de Stijl oder der russische Konstruktivismus im frühen 20. Jahrhundert forderte, wird schließlich das „Ende der Kunst“ beschworen und die Gestaltung des Lebens und damit auch das Design als neue Kunstform gefeiert. Hannah Höch wiederum gestaltet aus Alltagsmedien Kollagen und Marcel Duchamp erklärt trivial-funktionale Industrieprodukte wie einen Flaschentrockner zur Kunst. Beuys sieht schließlich in der sozialen Plastik eine Möglichkeit, die Gesellschaft selbst zu gestalten, und im Artivismus des 21. Jahrhunderts werden politisch motivierte Aktionen als Kunstwerk verstanden.
In der Auseinandersetzung mit exemplarischen Werken versuchen wir, verschiedenen Fragen im Kontext von Kunst, Gestaltung und Funktion auf den Grund zu gehen und die Notwendigkeit eines sich über die Jahrhunderte wandelnden und erweiterten Kunstbegriffes zwischen angewandter und freier Kunst zu verstehen.