DE Die Zukunft als Ressort für Erneuerung, Fortschritt, Wandel und Transformation stellt eines der mächtigsten Ideologeme der Gegenwartskultur dar. Nichts entfesselt politische und ökonomische Dynamiken so sehr wie von Katastrophen bedrohte Zukunft, denn sie erweckt Sorge, Furcht und Angst (präventive Spannung). Dabei ist die Zukunft immer vom Zu-Spät verstreichender Zeit bedroht, weswegen die jeweiligen Strategien zu ihrer Verhinderung vorrangig und beschleunigt umzusetzen sind. An der Sorge über potenziell kommende Zeit, aus der sich Handlungsdruck zur Gestaltung realer Gegenwart speist, scheint das gouvernementale Potenzial von Zukunftsszenarien auf: nämlich die Fähigkeit der Erzeugung individueller und (wenn massenhaft verbreitet) generalisierter Bereitschaft, einer in Aussicht gestellten Zukunft (und ggf. einer parallel unterbreiteten Direktive) gemäß – jedenfalls jetzt sofort – handeln zu müssen. Potenzielle Zukunft bringt materielle Gegenwart hervor, indem von präventiver Spannung genährte politische und ökonomische Systeme, ja ganze Märkte entstehen (Affektregime). Vorgänge politisch-ökonomischer Verdinglichung von Affekt lassen sich dabei theoretisch solange aufrechterhalten, wie das Ereignis, dem die Prävention gilt, sich nicht realisiert (oder das Szenario sich nicht abgenutzt hat. In Franz Kafkas „der Bau“ führt eine unentwegte Bewegung und Aufrechterhaltung von Prävention schließlich zum Exzess des vollständigen Verbrauchs von Leben zum Zweck seiner Sicherung.
Das Seminar wendet sich jener Spannung zu, die negative Zukunft im Gegenwärtigen entfaltet. Beginnend bei historischen und aktuellen Untergangsszenarien über Zukunftskonzeptionen im Spektrum zwischen techno-solutionistischer Prädiktion und relationaler Spekulation sowie mittels Theorien von Gefahr, Risiko und Sicherheit werden Konzepte und Denklogiken des Zukünftigen (präfigurierend vs. sympoietisch) analysiert. In einem zweiten Schritt soll die gemeinsame kritische Analyse im Seminar zum einen fruchtbar gemacht werden für erste Schritte in Richtung einer eigenen Theoriebildung. Zum anderen soll sie Ausgangspunkt sein für eine ästhetisch-experimentelle Arbeit an Materialien, Aggregatzuständen, Formaten, materiellen Skripten, Gegenständen und Produkten.
EN The future as a realm for renewal, progress, change and transformation represents one of the most powerful ideologemes of contemporary culture. Nothing unleashes political and economic dynamics as much as a future threatened by disasters, because it evokes concern, fear, and anxiety (preventive tension). At the same time, The Future is always threatened by running out of present time to save it, which is why strategies to prevent scenarios must be implemented urgently and accelerated. The concern about a potentially coming future generates urgency, pressure and willingness to act and in turn reveals the governmental potential of future scenarios: namely, the capacity to generate individual (and if widely disseminated, generalized) readiness to act according to a promised future (and possibly a concurrently presented directive). Potential future produces material present by nurturing political and economic systems fed by preventive tension, giving rise to entire markets (affect regimes). Processes of politico-economic reification of affect can be theoretically sustained as long as the event to which prevention pertains does not materialize (or as long as the scenario has not become worn out). In Franz Kafka's ''The Burrow,'' constant movement and maintenance of prevention ultimately leads to the excess of complete consumption of life for the purpose of its security.
The seminar addresses the tension that the negative future unfolds in the present. Beginning with historical and contemporary demise scenarios, through conceptions of the future in the spectrum between techno-solutionist prediction and relational speculation, as well as theories of danger, risk, and security, concepts and modes of thinking about the future (prefigurative vs. sympoietic) will be analyzed.